spiritgap.de | Besitz und Bewusstsein – bist Du ein Opfer des Konsums?
For the Win.
23. Juli 2017

Besitz und Bewusstsein – bist Du ein Opfer des Konsums?

 

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Heinrich Heine

 

Ist Konsum per se schlecht? Ist er wirklich die Wurzel allen Übels?

Seien wir einfach mal ehrlich. Wir sind süchtig. Wir haben eine ganze Zivilisation auf Konsum erbaut. Wohnraum, Wasser, Strom – Lebensmittel: die Supermarktregale sind voll: zu jeder Jahreszeit gibt es alles, was der Gaumen begehrt. Unter einen bestimmten Standard wollen wir nicht sinken. Kaum jemand kann sich vorstellen, in einer Hütte zu leben. Oder täglich um eine Mahlzeit zu kämpfen.

Aber es geht noch weiter: Unsere Einkaufsmeilen sind unsere Tempel geworden!

Wir identifizieren uns mit den Dingen, die wir kaufen und besitzen. Sie sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern ein Teil unserer Identität geworden. – Wir können uns nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben. Ohne die Handtasche einer bestimmten Marke und die Schuhe einer anderen.

Ich nenne hier bewusst keine konkreten Marken – jedem fallen selbst welche ein. Und ob es Kleidung ist oder Technik, ob es allgemein bekannte Namen sind oder eine relativ wenig bekannte Subkultur: Sie dienen uns dem Ausdruck dessen, was wir glauben zu sein.

 

Der Preis des Konsums

 

Und wir alle kennen den Preis unserer Sucht.

Wir haben ein Müllproblem. Die Ozeane können kaum noch atmen. Wissenschaftler, denen es nach langen Jahren der Planung endlich gelang bis auf den Grund der tiefsten Meerestäler zu tauchen (mit Sonden natürlich, kein Mensch kann in solcher Tiefe überleben), fanden dort zu ihrem Entsetzen: Müll!

Wir haben ein Plastikproblem, das tiefer geht als nur Platz wegzunehmen und viel zu lange zum Verrotten zu brauchen. (Plastic Planet*) Noch länger brauchen die Abfallprodukte der ‚friedlichen‘ Nutzung von Atomenergie…

Und während ein Teil der Welt (nämlich unserer) in unerhörtem Luxus schwelgt, blutet ein anderer langsam aber sicher aus. (Let’s Make Money*)

Das hier weiter auszuführen, wäre müssig – die beiden Dokus, auf die ich verweise geben genug Stoff zum Nachdenken und umfassen die beiden wichtigsten Aspekte – Umweltverschmutzung und Ausbeutung.

 

„Was ist mit mir?“

 

Während also in anderen Teilen der Welt Menschen unter schwierigsten Bedingungen um’s Überleben kämpfen und der Planet aus dem letzten Loch pfeift – sitze ich hier also an einem Laptop mit Internetanschluss. Rechts neben mir schlummert friedlich mein stationärer PC, links liegt ein Smartphone. Spotify liefert mir die Klänge von Snatam Kaur frei Haus. Ich trinke Kaffee. Die Medikamente gegen meine Ohrenentzündung schlagen langsam an. Ich schaue hinaus auf die perfekte Infrastruktur der Altstadt von Werden.

Was, außer einem deutschen Pass und der Fähigkeit mit wenig Geld gut hauszuhalten, berechtigt mich zu solch krassem, materiellem Überfluss?

Nichts. Der Witz ist: Es macht mich nicht mal wirklich glücklicher. – Ich gebe es zu, ich habe ‚first-world-problems‘ wie jeder andere Mensch auch. Nur… Ich glaube nicht, dass ich sie dadurch lösen kann, dass ich noch mehr besitze oder bestimmte Dinge besitze.

 

Wozu brauche ich das?

 

Seit einiger Zeit schon bewege ich mich hin zu immer mehr Minimalismus. Ich versuche so wenig wie eben gerade möglich zu besitzen. Was nicht aber nicht heißt, dass ich ungern einkaufen gehe oder schöne Sachen nicht zu schätzen weiß. (Gute Technik ist mein Schwachpunkt… Computer, Autos, Kameras…)

Aber jedes Mal, wenn ich etwas kaufe, frage ich mich: „Wozu brauche ich das?“

Welche Möglichkeiten werden mir durch den Erwerb eröffnet? Welche Möglichkeiten werden _uns_ eröffnet als Individuen und als Kollektiv durch die Massenproduktion von Gütern? – Alles ist in Hülle und Fülle vorhanden und für (fast) jeden erschwinglich. Wir haben die Wahl – wir haben das Wissen – wir haben die Werkzeuge. Aber haben wir auch das Potential?

Diese in der Weltgeschichte einzigartige Möglichkeit zur massenhaften Selbstreflexion, passiert mit Hilfe genau der Mittel, die sich selbst in Frage stellen. Ironischerweise hätten wir ohne den Massenkonsum, ohne die Konsequenzen des entfesselten Raubtier-Kapitalismus, ohne diese Gier nach mehr und immer mehr — gar nicht die Möglichkeit unsere Identifikation mit der Materie so nachhaltig in Frage zu stellen.

 

Besitze ich oder werde ich besessen?

 

Wenn also der Konsum den Preis hat, den er hat, sollte er wenigsten auch einen Sinn haben. Radikal denke ich, Konsum ist im Grunde wie der Krieg: Manche macht er zu Sklaven, manche zu Freien.

Wie sehr kompensiere ich durch Gegenstände, was mir an inneren Ressourcen fehlt?
Wie viel von mir wäre übrig, wenn man mir sämtlichen materiellen Besitz wegnehmen würde?

***

Meine Beobachtung ist:

Je mehr Besitz zum Selbstzweck wird, umso destruktiver wirkt er sich auf die Besitzenden aus. Das Besitztum wird zu einem leeren Haus ohne Leben. Zu einer fahlen Hülse. Der Shopping-Trip mutiert zum Verzweifelten Versuch, sich für ein kleines Weilchen gut zu fühlen – nicht mehr oder weniger wirkungsvoll wie ein Drogentrip.

Je mehr Besitz zum Werkzeug wird im Dienste unseres schöpferischen Tätig-Seins in der Welt – umso positiver die Wirkung. Dann dient Konsum nicht nur der Götze des Wirtschaftswachstums, sondern dem Wachstum unserer Seele. Beziehungsweise dem Bewusst-werden unserer wahren Größe.

 

For the Win

Hinterlasse einen Kommentar: