spiritgap.de | Bombenstimmung in Bochum
For the Win.
25. Januar 2018

Bombenstimmung in Bochum

 

Von kleinen Gedanken mit großer Wirkung.

 

Unruhe entsteht im Büro. Ich höre nichts. Der Kunde in meiner Leitung ist lauter als die leise gesprochenen Worte neben der Tür. Doch ein Wort sticht unter den anderen deutlich hervor: Bombe. Und ein Gedanke streift den Rand meines Bewusstseins, den ich schnell beiseite dränge. Ich konzentriere mich auf die Stimme eines Menschen, für den es gerade keine größere Katastrophe im Leben gibt als einen verpassten Telefonanruf.

„Radio Bochum sagt…“ – „Gibt es eine Bestätigung?“

„Was ist los?“, frage ich. „Sie haben mal wieder eine gefunden – in der Kortumstraße.“ Aha.

Ruhrgebiet. Nichts zu machen. Ich telefoniere einfach weiter. Als wäre nichts. Aber eine leise Nervosität macht sich in mir breit. Nein, ich habe keine Angst vor diesem Blindgänger. Es ist Wut.

 

Wie kann es sein?

 

Wie kommt es, dass über 70 Jahre nach dem Ende eines der größten Massaker auf diesem Planeten die Auswirkungen dieses Massakers noch immer mein Leben berühren? Der Gedanke lässt mich nicht los. Gefolgt von der Frage: Wie geht es den Menschen, die es nicht mit Blindgängern zu tun haben, sondern mit scharfen Bomben. Mit dieser menschenverachtenden Erfindung, die jetzt – vielleicht jetzt gerade – ihr Haus in Schutt und Asche legt?

Die Büroleiterin kommt persönlich zu mir. Sie möchte sicher gehen, dass wirklich alle Bescheid wissen. Ja, ich weiß Bescheid. Ich weiß, dass es Feuer vom Himmel regnet. Im Donbass, in der Ukraine, der alten Heimat meiner Großeltern. In Syrien. Vielleicht demnächst in Nordkorea.

Im Büro bleibt erstmal alles ruhig. Bis auf das Relikt, das nur ein paar hundert Meter entfernt einer Klärung bedarf.

 

Einer Klärung, die schon längst hätte passieren müssen!

 

Am Kaffeeautomaten wünscht man sich eine ruhige Schicht und dann sowas. Hallo? Geht‘s uns noch allen gut? Haben wir hier in Deutschland etwa den Knall nicht gehört?

Und ich denke daran, dass ich als Teil der Friedensbewegung eigentlich aufstehen müsste. Mich empören müsste. Und ich bin empört! Ich bin empört, dass wir es nach zwei Weltkriegen immer noch nicht besser wissen. Dass wir uns nach dem x-ten Blindgänger in der Stadt nur noch darüber Gedanken machen, ob die Bahn wohl noch fährt.

„Stellt euch auf ‚Diverses‘“, kommt eine knappe Anweisung von unserer Teamleiterin, dann ist sie verschwunden. Wir bleiben zu dritt im Büro zurück, die Kollegin wälzt Presse auf ihrem Smartphone In der Luft hängt die Frage, ob wir unsere Schicht werden beenden können.

„Aber wenn die doch erst gegen 18:00 entschärft werden soll…?“

Die Spekulationen haben ein jähes Ende, als das komplette Gebäude anstandslos evakuiert wird.

Ich fahre nach Hause. Einfach so. Die Bochumer Innenstadt ist voll von Menschen, die das gleiche tun. Ein Streifenwagen kriecht durch die Menge. Niemand hat Angst, eher ist man genervt. Was für ein Luxus. Ich überlasse Bochum seinem Schicksal. Bis heute Nachmittag wird die weiträumige Absperrung und Evakuierung der Innenstadt abgeschlossen sein. Dann werden die Spezialisten anrücken und den Störenfried professionell entfernen. Danach geht alles seinen gewohnten Gang.

 

***

 

Ich betrete meine Wohnung:

„Bomenstimmung in Bochum!“ rufe ich meinem Mitbewohner zu, der sich gerade zum Gehen fertig macht.

„Was? Sprichtwörtlich?“ fragt dieser zurück.

„Nein. Buchstäblich.“ antworte ich.

„Zweiter Weltkrieg?“, fragt er mit aufgerissenen Augen.

Und plötzlich wird mir klar, welcher Gedanke es war, der mein Bewusstsein streifte, als ich das Wort ‚Bombe‘ zwischen den Satzfetzen hörte… Dass wir diese Frage stellen müssen. Dass wir sie überhaupt stellen müssen. In was für einer Welt leben wir.

„Kein IS?“ präzisiert er.

„Nein, kein IS.“

Soweit sind wir. Das ist der Punkt. Es sollte – wenn wir wirklich uns dazu aufgerufen fühlen menschlich zu sein und handeln – diese Frage gar nicht geben. Es sollte klar sein. Klipp und klar.

 

Aber das ist es nicht.

 

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