spiritgap.de | Die Furcht vor der Sichtbarkeit – und 3 gute Gründe, sich trotzdem zu zeigen
For the Win.
6. Juli 2017

Die Furcht vor der Sichtbarkeit – und 3 gute Gründe, sich trotzdem zu zeigen

 

Internet, Social Media, Facebook, der gläserne Konsument, Überwachungsstaat… Edward Snowden gilt als Held, weil er die Welt darüber aufgeklärt hat, dass absolut jeder Mensch jederzeit durch seine Laptopkamera beobachtet werden kann. Wer noch – außer mir – hat das Ding mit einem Stück Klebeband außer Gefecht gesetzt?

Die allermeisten Menschen wollen ihr Privatleben in der Öffentlichkeit geschützt wissen. Und natürlich ist dieser Schutz auch angemessen. (Schließlich geht es keinen etwas an, wie ich morgens um 7 aussehe…)
Aber es gibt m.E. auch einen Punkt, ab dem dieses „Sich-schützen-wollen“ kontraproduktiv wird. Nämlich dann, wenn es in ein „Sich-Abkapseln“ kippt: wenn sogar die Menschen, die einem am nächsten stehen nicht mehr wissen, wie es einem wirklich geht. — Und was passiert eigentlich mit unserer Gesellschaft, wenn die „stille Mehrheit“ weiter schweigt?

 

„Ich will ja auch niemandem Dinge erzählen, die kein Schwein interessieren.“

Anonym

 

Dieses Zitat ist wörtlich einer Unterhaltung entnommen, die ich gestern im Facebook-Chat mit einer guten Freundin führte. (Somit hat die NSA diese freundlicherweise für die Nachwelt abgespeichert.) Sie hatte ein Problem im Kleinen, was wir als Gesellschaft im Großen und Ganzen zu haben scheinen:

Das Problem, sich mitzuteilen; ihre Gedanken (und Gefühle!) vor einem anderen Menschen zu äußern, quasi „öffentlich“ zu machen. Und damit dem anderen eine Chance zu geben, darauf zu reagieren.

 

 

Ich will nicht anecken!

 

Verständlich. Eine negative Reaktion auf Selbstoffenbarung zu erfahren tut mehr weh als mit Steinen beworfen werden. Abgelehnt werden nagt an unserem Selbstwertgefühl. Es macht uns verletzlich, es tut verdammt nochmal weh. Ausgestoßen werden rührt an die tiefsten Schichten unserer Psyche – schließlich kam der Ausschluss aus der Horde früher einem Todesurteil gleich.

Das führt dazu, dass die meisten sich zurückziehen. Sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit. Die meisten User von Social Media sind passive Konsumenten. Sie lesen, aber sie schreiben nichts. Die meisten Ehen werden geschieden, warum wohl?

Und dennoch leben wir im Zeitalter der permanenten öffentlichen und halböffentlichen Äußerungen. Neben der „schweigenden Mehrheit“ gibt es eine „schreiende Minderheit“, welche längst die Flucht nach vorn angetreten hat. Und deren Kommunikation wird immer mehr zu einem „Sprech-Akt“ – zu einer Aktion, die aufsummiert eine Macht hat von uns bisher unvorstellbaren Ausmaßen.

Was passiert, wenn wir uns dem entziehen? Wenn wir so tun, als ob es uns nichts angeht? – Wir beschneiden immer nur uns selbst.

 

 

Ich will Kontakt.

 

Abkapseln ist ein Schutzmechanismus. Wenn wir es nicht einmal schaffen unsere Nächsten – Familie, Freunde, Kollegen usw. – offen und ehrlich an unseren Gedanken teilhaben zu lassen — wie wollen wir dann erreichen, dass sich die Welt in unserem Sinne wandelt?

Die Befürchtung, Dein Partner könnte fremd gehen, hat auf Facebook vielleicht nicht ganz so viel verloren. Aber _ihm_ oder _ihr_ solltest Du es mitteilen…

Mit_teilen = mit anderen teilen = sich nicht mehr ganz so einsam fühlen – verloren und ausgeliefert – in einer fremden und vielleicht als feindselig empfundenen Welt. Es gibt mehr als einen guten Grund, sich öfter sichtbar zu machen, die Öffnung zu riskieren, den Schmerz zuzulassen.

3 gute Gründe, sich zu zeigen – und sei es ’nur‘ privat:

 

 

1. Der Preis des Schweigens ist zu hoch

 

Auf Dauer macht das Abkapseln einsam. Ich bin Menschen begegnet und bin selbst ein Mensch gewesen, der sich umgeben von ‚Freunden‘ einsam fühlte. Und immer dachte ich, es läge an den anderen. Aber es lag an mir. Ich bin nicht für mich eingestanden. Ich habe den anderen mein Inneres, meine Schätze verweigert!

Wer nichts sagt, ist in Sicherheit. Aber diese Sicherheit ist tot. Sie nährt nicht. Begegnung nährt. Und die ist nur möglich, wenn Du Dich öffnest, wenn Du die Hosen runterlässt und bewusst Angriffsfläche bietest mit dem, was Dir wirklich wichtig ist.

Nur wenn Du Ablehnung riskierst, hast Du eine Chance Unterstützung zu gewinnen. 

 

2. Selbsterkenntnis – der Spiegel im Spiegel

 

„Erkenne Dich selbst und Du erkennst Gott“, sprach das Orakel von Delphi. Wir Menschen sind wie Spiegel: Wir reflektieren uns gegenseitig. Was passiert, wenn Du auf diesen Spiegel verzichtest? – Du fängst an in Deinem eigenen Saft zu kochen und stagnierst. Selbsterkenntnis ist nicht möglich ohne Welterkenntnis und vice versa.

Andere sollten die Chance haben, sich in Dir zu spiegeln. Sie haben es verdient zu wissen, woran sie bei Dir sind. Natürlich werden immer auch solche Menschen dabei sein, die versuchen Dich zu manipulieren oder zu beherrschen. Ich tendiere dazu und habe mich schon manches Mal in eine solche Abhängigkeit hineinbegeben. Angenehm war das nicht, letztlich aber auch die einzige Chance, die ich hatte, um genau das zu erkennen.

Etwas zu erkennen, bedeutet es zu überwinden. 

 

3. No Risiko, no Spaß

 

Wie willst Du Freude im Leben erfahren, wenn Du nichts von dir teilst? Willst Du wie ein Baum sein, der im Wald umfällt und niemand ist da, um das Geräusch zu hören?

Jetzt gibt es da natürlich die Mystiker, die Einsiedler, die Erleuchteten – die kommunizieren auch! Mit Gott. Und sie gehen nicht in Widerstand zum Leben. In Widerstand zum Leben gehen, bedeutet nicht zu wollen, dass dies, das oder jenes geschehe. Das ist die tiefe Wurzel unserer Furch vor der Sichtbarkeit: Die Sucht nach Kontrolle.

Es ist paradox: Wir wollen nicht kontrolliert werden! Die NSA soll uns in Ruhe lassen. Aber aus Angst die Kontrolle zu verlieren, geben wir unsere Stimme weg. Aus Angst jemand könnte uns unsere Selbstwirksamkeit übel nehmen, sind wir unwirksam.

Bewusste Schöpfung ist nur in Sichtbarkeit möglich.

 

 

„Ihr seid Götter!“

 

Unsere kreative Schöpferkraft kann sich nicht entfalten, wenn wir uns fürchten, uns anderen zu offenbaren. Das Leben lässt uns links liegen, wenn _wir_ es nicht teilhaben lassen. Unsere Seele kann nichts verändern, wenn _wir_ nicht rufen: „Schau her, Seele, schau hin!“

Ich wünsche Dir, dass Du heute noch einem lieben Menschen sagst oder schreibst wie es Dir wirklich geht.
Ich wünsche uns eine Kultur der Sichtbarkeit. Einen furchtlosen Umgang mit der Selbstoffenbarung. Und den Mut zum Wandel im Leben jedes Einzelnen und in der Gesellschaft.

 

For the Win

Hinterlasse einen Kommentar: