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For the Win.
1. August 2017

Meinungsketzer – worüber (nicht) gesprochen werden darf…

 

„Es ist und bleibt alles ein wenig fragwürdig – auch ohne Verschwörungstheorie.“

Anonym

 

Samstagnachmittag auf Facebook. Während in den Medien der Große Informationskrieg tobt, entflammt auch hier ein kleiner Meinungskampf um ein 7-minütiges Video zum Thema 9/11. Es ist als hätte jemand einen Spiegel angeschleppt. Oder mit einer Machete einen Schnitt durch’s gesellschaftliche Gehirn gesäbelt.

Die Beiträge lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

  1. Diejenigen, die Zweifel für angebracht halten.
  2. Diejenigen, die die Zweifler für Verschwörungstheoretiker halten.
  3. Diejenigen, die das Thema an sich für erledigt halten.

Einmal mehr hab ich das Gefühl: Hier geht’s gar nicht um 9/11 – hier geht es darum die ‚richtige‘ Meinung zu vertreten. Und um den daraus abgeleiteten Anspruch, anderen den Mund verbieten zu dürfen.

 

Das offizielle Narrativ und seine Schutzmechanismen

 

Dabei stand am Anfang eher ein Fragezeichen. — Keine wilden Behauptungen, keine Gegentheorien oder Schuldzuweisungen. Sondern das Aufzeigen von Unstimmigkeiten und Widersprüchen zum öffentlich zulässigen Narrativ. Aber eben dieses Fragezeichen scheint ein Angst machendes Fragezeichen zu sein, denn die Reaktionen sind zum Teil empfindlich bis aufgebracht.

Als sei das Fragen an sich schon unanständig…

Was folgt ist nicht das Eingehen auf die Fragen, sondern häufig die Unterstellung von Behauptungen. Um bei dem Beispiel von 9/11 zu bleiben: „Du glaubst wohl, es waren die Amis selbst?!“ Dem Fragenden wird automatisch unterstellt, er glaube irgendwas. Klar, die US-amerikanischen Regierung muss es gewesen sein, wenn es denn Usama und seine Schergen nicht waren. Mag sogar sein, dass ein solcher Schluss nahe liegt, aber behauptet wurde nichts in der Art.

Abgesehen davon, dass es einen Unterschied gibt zwischen State und Deep State: Zum Artikel im Rubikon

… Findet sich der Fragesteller plötzlich in der Position, sich für Behauptungen rechtfertigen zu müssen, die er nie getätigt hat. Ist das fair? Nein, aber gängige Knebelpraxis. So entstehen kuriose Nebenkriegsschauplätze und Debatten um Dinge, die mit der ursprünglichen Fragestellung nur noch am Rande etwas zu tun haben. Und Agnostiker werden zu Teufelsanbetern erklärt…

Wer Tabus bricht, hatte noch nie einen leichten Stand. Weil jedes Tabu seine Verteidiger findet. Und so wie jeder Zweifler seine Zweiflerehre hat, hat jeder Schuster seine Leisten. Und kämpft – bisweilen erbittert – um sein Recht in Ruhe gelassen zu werden.

 

Wer in der Mehrheit ist, ist in Sicherheit

 

Was „man“ doch weiß in dieser aufgeklärtesten aller Zeiten, ist dass bestimmte Dinge einfach stimmen. Wer würde denn dem großen Aristoteles widersprechen wollen oder gar der Mutter Kirche? Was natürlich nicht heißen soll, dass Diskussion überflüssig wäre – schließlich müssen wir ausführlichst darüber reden, wie man die Widersprüche zwischen den beiden – unstrittig wahren – Lehren in den Griff bekommt.

Ist es heute eigentlich so viel anders als im Mittelalter?

Selbstverständlich darf diskutiert werden, aber doch bitte in einem „vernünftigen“ Rahmen! — Natürlich gibt es Grenzen des  Diskutablen und sowas wie gesunden Menschenverstand. Aber wie eng diese Grenzen gesteckt werden, bestimmt die Fähigkeit Zusammenhänge zu erkennen, Differenzierungen zu treffen und der Mut, sich über Denk-Gebote und gegebenenfalls auch Verbote hinwegzusetzen.

Natürlich ist die Komfortzone warm und kuschlig und die Vorstellung, die Welt könnte so ganz und gar anders sein, als man sie allerorten präsentiert bekommt, gruselig… Scheiterhaufen sind aber auch schön warm und ab und zu ein Sprung ins kalte Wasser kann erfrischen, reinigen und beleben.

 

Wer absolut Recht hat, verliert die Hemmungen

 

Wäre da nicht auch noch dieses Gefühl von Überlegenheit… Ich kenne es aus eigener Erfahrung. Meinungsrückenwind von tatsächlichen oder vermeintlichen Autoritäten erlaubt es einem, sich auch dann noch bestens informiert zu fühlen, wenn man es selbst vielleicht gar nicht ist.

Dank dieser Machtübertragung kommt man leicht auf die Idee, dass jene „Ketzer“, die es wagen das Selbstverständliche in Frage zu stellen – es gar nicht wert seien, mit der gleichen Höflichkeit behandelt zu werden wie andere, ’normale‘ Menschen.

Endlich hat man ein Ventil gefunden für seinen Frust, seine Wut, seine Minderwertigkeitskomplexe oder was auch immer! – Die Netiquette setzt aus, der Neokortex und im Extremfall fällt – ganz subtil – jene Barriere, die es uns normalerweise nicht gestattet, andere zu verletzen.

 

Worte als Waffen

 

Bevor es zum Krieg kommt, müssen die Kontrahenten angemessen darauf vorbereitet werden. Zum Glück waren wir schon immer und sind wir bis heute bestens versorgt mit Begriffen, die schon beim Aussprechen jene Vibration erzeugen, die einen nicht mehr den Inhalt der Aussagen, sondern nur noch den ideologischen Subtext hören lässt.

„Verschwörungstheoretiker“ ist ein solcher Begriff. Erfunden und negativ geprägt von Geheimdiensten, um die Zweifel an der Geschichte rund um die Ermordung John F. Kennedys im Keim zu ersticken.

Ja, da sind sie doch – die Ketzer von heute!

Und ihre Freunde? Auch Ketzer! Alle, die mit einem Ketzer zusammenarbeiten, geraten in Verdacht ebenfalls Ketzer zu sein. Eigentlich reicht es schon, wenn man vor 10 Jahren mit jemandem irgendwas zusammen gemacht hat und sei es für zwei Stunden im selben Zimmer zu sitzen…

So geht es am Ende nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, den anderen ins Unrecht zu setzen. Kein Wunder, dass sich lebensfrohe Menschen angewidert vom Diskurs abwenden. Man werde „die Wahrheit“ ohnehin nicht erfahren, warum also diesen unangenehmen, belastenden Dialog führen? — Aber kann das die Lösung sein?

***

Ich glaube, dass diese Kluft sich nur durch eins wird überwinden lassen: Bedingungslose Wertschätzung!

Dem Mit-Disputanten ein Mit-Spracherecht zuzugestehen, so schmerzhaft dies manchmal sein kann. Nur das hat die Chance den Inhalten Raum zu gewähren über alle ideologischen Grenzen hinweg. Es beginnt mit einer Entscheidung: Will ich reden oder will ich den anderen bekämpfen?

Es beginnt mit dem Schritt weg vom Feind. Und hin zum Menschen.

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