spiritgap.de | Misanthropie 2.0 – macht Internet asozial?
For the Win.
5. August 2017

Misanthropie 2.0 – macht Internet asozial?

 

„…ist für Loser, Weirdos, Negativität, Menschen die Bondage und BDSM mögen, Porno-Liebhaber…oh und Leute, die das Große Ganze sehen.“

Neek Lurk in einem Interview

 

Die Rede ist vom „Anti Social Social Club“. Gehört habe ich davon in >> diesem Artikel <<. Gesehen habe ich ein solches Kleidungsstück noch nicht, was vermutlich daran liegt, dass die Dinger ausverkauft sind. Auch sonst stimmt mit dieser Marke nichts: Die Qualität soll schlecht sein, der Preis zu hoch, Kundenservice nicht vorhanden, man weiß noch nicht einmal, wann man seine Bestellung bekommt! (Oder ob überhaupt…)

Was also ist so geil an diesen Klamotten? – Das Statement.

 

Generation Scheißegal

 

Neek Lurk hat keinen Trend begründet, sondern mit seinem Label lediglich einer bereits existierenden Energie – gewissermaßen ‚aus Versehen‘ – Ausdruck verliehen. Aber die Zurschaustellung einer zynischen, resignierten und nihilistischen Haltung der Welt, dem Leben und der Gesellschaft gegenüber ist einfach ‚in‘. — Spannenderweise aber nicht bei verbitterten alten Jungfern und desillusionierten, ehemals idealistischen Intellektuellen, sondern bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Woher ich das weiß? Ich treib mich da rum, wo die sich rumtreiben. Zum Beispiel hier: 9GAG.

Und zwischen niedlichen Katzenbildern, Memes, Filmzitaten und sonstigem random Zeug entspinnt sich eine Art paradoxe Schwarm-Philosophie: Außenseiter sein ist cool, Weltabgewandtheit ist cool, das wahre Leben findet im Internet statt und besteht vor allem aus Ablenkung.

 

Brot und Spiele

 

Wer sich jetzt über die ‚Jugend von heute‘ echauffieren will, möge seine Kräfte sparen und sich stattdessen fragen, wie er selbst drauf wäre, würde er so aufwachsen: Einerseits krass materiell überversorgt, andererseits völlig reizüberflutet mit Nachrichten-Bildern einer in Gewalt, Mangel und Umweltzerstörung versinkenden Welt. Das ist so unfassbar paradox und schizophren, dass dadurch schon im eigenen Geist ein Bruch mit der Realität entsteht! Und nicht erst durch die Flucht in virtuelle Wirklichkeiten.

Die meisten Problematiken einer globalisierten Welt sind – selbst wenn sie einem bewusst sind – so abstrakt und weit weg von der persönlichen Lebensrealität ihrer Bewohner, dass… man gar nicht weiß, wo man anfangen soll! Es ist wie ein vermülltes Haus: Aufräumen zwecklos. Am besten einfach abfackeln und woanders noch eins bauen.

Es überkommt einen diese Ohnmacht… ob bewusst gefühlt oder nicht, führt sie zum Rückzug ins private Komfortzonen-Kämmerlein und dadurch zu einer kollektiven Lähmung. Die liebevoll eingerichtete Gaming-Ecke, das plüschige Heimkino wird zum Ort der Wahl, wo man sich (geistig) in Embryonalstellung zusammenrollen und hin und her wiegen kann. Das dafür nötige Kleingeld ist – zumindest in der sogenannten ‚ersten Welt‘ problemlos zu besorgen. Die Inhalte liefert das Netz: Filme/ Serien/ Dokus, Games, Interaktionsplattformen…

 

Warten auf die Apokalypse

 

Die Flucht in virtuelle Welten gleicht dem Versuch, sich ein Stückchen Selbstwirksamkeit zu bewahren in einer ansonsten durchregulierten, von einer ’neoliberalen‘ oder meinetwegen ‚kapitalfaschistischen‘ Agenda gesteuerten Wirtschafts- und Arbeitswelt. Die Showbiz-Abteilung genannt ‚Politik‘ inklusive. (Von den nichtssagenden bis propagandistischen Medien fange ich hier gar nicht erst an…)

Denn ansonsten sind wir entmachtet. 

Wir können nur noch abwarten, bis sich ‚Das System‘ ausgetobt hat. Und uns bis dahin mit dem Konsumverhalten unserer Wahl die Zeit vertreiben. Zynisch? — Ja. Aber im Kern nicht unwahr. Kinder und Betrunkene sprechen aus, was Erwachsene und Nüchterne nicht hören wollen.

***

Nicht das Internet macht unsozial. ‚Unsozial‘ sein wollen ist nur das Spiegelbild einer sich mit sozialen Grundsätzen wie Rücksichtnahme und Empathie beißenden Realität. Man kann von einem jungen Menschen nicht verlangen sozial zu sein, aber sich doch bitte auch an einem Krieg zu beteiligen oder dem zumindest zuzustimmen. Kriege sind nicht sozial. Kriege sind scheiße. Und jeder Mensch mit einem letzten Rest Verstand weiß, dass immer höher gerüstete Kriegsszenarien in industriellem Ausmaß keine Probleme lösen, im Gegenteil.

 

Wollt ihr uns verarschen?

 

Was also wirkt wie eine Verweigerungshaltung, könnte sich am Ende des Lieds als unsere Rettung entpuppen. Frei nach dem Mott: Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin. Wäre da nicht die immer weiter fortschreitende Instrumentalisierung des Individuums im Dienste des Mammon. Aber das ist eine andere Kiste, die ich an dieser Stelle geschlossen lasse.

Die Revolution von morgen ist vielleicht eine Anti-Revolution, eine ‚Leck mich am Arsch‘-Revolution.

Das Internet ist dafür nur der Katalysator. Er ist der Daimon, den man rief, um ein noch besseres Kontroll- und Steuerungsinstrument an der Hand zu haben und den man nun nicht mehr los wird. Da er niemandem mehr dient, zu einer eigenen Macht mutiert ist mit einem eigenen Willen. Es ist der ultimative Weltenspiegel, der alles aufdeckende Quälgeist – so eine Art ‚fünfter apokalyptischer Reiter‘, mit dem keiner gerechnet hat.

 

Es bleibt dabei: alle Macht geht vom Individuum aus. Seine Seele verliert ein Mensch nicht dadurch, dass er 15 Stunden am Tag Candy Crush spielt. (Womit ich nicht zum Candy Crush-Spielen aufrufen möchte…) Ihm bleibt die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Ihm bleibt der Traum von Sinnhaftigkeit. Das Bedürfnis nach emotionaler Nähe, sehen und gesehen werden.

Was tut also ein Mensch um all dem Ausdruck zu verleihen? Er trägt ein T-Shirt von ASSC. Ist doch logisch.

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